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Gastbeitrag Farbige Flaschen von Lothar Franze
Farbige Flaschen
aus der Potsdamer Hütte
Kunckels Farbglas-Fantasien auf der Pfaueninsel
und ihre Umsetzung in der Hütte am Hakendamm
Lothar Franze Potsdam 23.4.2021 / 25.8.2025
Im Frühjahr 2004 begannen in der Nähe des vom Autor vermuteten Hüttenstandortes
in Potsdam Tiefbauarbeiten in der Friedrich-Engels-Straße. Ca. 40 Meter westlich
vom heutigen Nutheverlauf direkt im Eingangsbereich der Märkischen
Allgemeinen Zeitung - wurden mit dem Aushub erste Glasfunde sichtbar. Nach
weiteren 15 Metern wurden die Versorgungsleitungen an die bisherigen Trassen
angeschlossen. In alten Karten finden wir an dieser Stelle die vom Hakendamm,
sowie von einem weiteren Nuthearm begrenzte Glashüttenwiese. (Abb. 1)1
Über das Terrain der Hüttenwiese wurde um 1900 die heutige Friedrich-Engels-
Straße neu angelegt. In diesem kurzen Straßenabschnitt wurden während der sich
über Monate hinziehenden Bauarbeiten vom Autor fast zweitausend Glasfragmente
gesichert. Wie bei einer Christallinen = Hütte nicht anders zu erwarten, stammt der
überwiegende Teil von Hohlgläsern von weißem (farblosem) Kreide- und Kristallglas.
Abbildung 1
Aber auch Farbglas und Glasteile mit den unterschiedlichsten Verzierungen fanden
sich in großer Anzahl.2
Überraschend vielfältig war die Fundbreite von grünem Glas (Abb. 2 Scherenabschnitte und
Pfeifenabschläge).
Farbglas war weit weniger vertreten. Schwerpunkt bilden auch hier Glasabfälle aus
dem Herstellungsprozess, wie blaue Scherenabschnitte und Pfeifenabschläge, sowie
Glasstücke mit blauen Verzierungen.(Abb. 3,4)
Kunckel schreibt bereits dazu 1679 in seiner Ars Vitraria:
„Die zwey fürnehmste Hauptfarben / so wohl ansich selbst / als in Ansehung des
menschlichen Gesichtes und der Glasmacher=Kunst sind die blaue und grüne Farb.“
Goldrubinglas hatte er noch nicht „erfunden“.3
Abbildung 2 Glasfunde vom Hakendamm
Abbildung 3 Glasfunde vom Hakendamm
Abbildung 4 Glasfunde vom Hakendamm
1685 bekommt Kunckel von seinem Landesherrn und nner, dem Kurfürsten
Friedrich Wilhelm, die Pfaueninsel zum Geschenk. Die darauf errichtete Glashütte
war sicher weniger als Produktionsstätte für Glas gedacht, als vorrangig für Kunckels
Glasexperimente und alchemistische Bestrebungen angelegt worden, die unbedingt
geheim gehalten werden mussten. Ein Beispiel für die Experimentierfreudigkeit
Abbildung 5-12
Kunckels zeigt sich in den Funden, die Rau bei seinen Grabungen zur Hütte auf der
Pfaueninsel fand. Kunckel schwelgte geradezu in Farbglas-Fantasien. (Abb. 5-12 )4
Doch wir kennen kein einziges Glas bei dem wir diese Farbigkeit heute bewundern
können. 1688 stirbt der Große Kurfürst, die Hütte auf der Pfaueninsel wird durch
Brandstiftung zerstört. Kunckel wurde seiner Ämter enthoben und der neue Kurfürst
Friedrich III. klagte ihn an tausende Taler veruntreut zu haben. Von diesem Schlag
schwer getroffen zieht er sich auch von seiner „Glaskunst“ weitestgehend zurück.
Neben der herausragenden Kristallglasqualität zeugen wenige blaue Becher und
Pokale, vor allem aber die Goldrubingläser von seinem Wirken an der Potsdamer
Hütte. Farbig gestaltete Gläser sind für
Potsdam, außer achatgemusterter Beispiele,
nahezu unbekannt. Das führt zu der Annahme,
dass die Farbexperimente von der Pfaueninsel
keinen Eingang in die Potsdamer Produktion
gefunden haben. Die Funde vom Hakendamm
gestatten jetzt zaghafte neue Einblicke in das
Gestaltungsprofil der Hütte, die anhand
weniger Beispiele, insbes. Flaschen,
beschrieben werden können. Eines der
interessantesten Glasstücke ist ein kleiner,
farblich sehr auffällig gestalteter
Scherenabschnitt (Hüttenabfall !), der beweist,
dass auch weiterhin farbliche Kompositionen
zum Potsdamer Herstellungsprofil gehörten.
(Abb. 13 oben)
Das darunter abgebildete Glasstück mit
farbigen Glaseinschlüssen und eingestochenen
Luftbläschen sollte zu einem Pokalknauf
geformt werden.5
Neben blauen Bechern und Pokalen
finden wir auch blaue Flaschen im
Potsdamer Angebot, wie am Beispiel
der zwei Halsfragmente ersichtlich ist
(Abb. 14, rechts mit gewelltem Lippenfaden).
Im Katalog Friedleben sind
Rippenflaschen aus leuchtend blauem
Glas aus dem 18. Jahrhundert
abgebildet, als deren Herkunft Tirol
angegeben wird. Auch bei weiteren
Rippenflaschen wird von ihm
überwiegend Tiroler Herkunft
unterstellt.6
Abbildung 13
Abbildung 14
Die Abbildungen 15-17 zeigen, dass blaue Rippenflaschen ebenfalls zum Potsdamer
Repertoire gehörten. Das Glasstück aus hellem, leuchtend blauem Glas zeigt den
„Anfang“ für so eine Flasche. (Abb.15) Das dunklere Bodenstück darunter hat einen
Abriss und stammt höchstwahrscheinlich von einer fertigen Flasche. (Abb.16) Wie
diese ausgesehen haben könnte, ist auf der daneben stehenden Abbildung 17
ersichtlich. Die Farbe dieser Flasche aus dem Kunstgewerbemuseum Berlin-
Köpenick 7und die Farbe des Potsdamer Brüchlings sind absolut übereinstimmend.
Auch die Größenverhältnisse sind nahezu identisch. Eine eindeutige Zuordnung ist
daraus nicht abzuleiten, eine Potsdamer Herkunft aber nicht unwahrscheinlich.
In der Hakendammhütte ist die Herstellung von Opalglasflaschen mit blauem Muster
durch zwei verschiedene Scherbentypen belegt. (Abb. 18, 19)
Abbildung 15
Abbildung 17 Kunstgewerbemuseum Berlin-Köpenick
Abbildung 16 Hakendamm
Drei dünne, kaum 2 mm starke Stücke stammen von einer Flasche, die wie die
darunter abgebildete ausgesehen haben mag. Diese steht in der Sammlung Kovaceck
in Wien mit folgender Beschreibung: „Flasche aus opalisierendem Milchglas mit
schräg aufgesponnenen blauen Fäden, die mit einer Eisenspitze zu einem federartigen
Muster verzogen sind. Höhe 13,5 cm, Böhmen oder Deutschland.“ (Abb. 20) 8
Abbildung 22 Potsdam, v. Tresckowstr.
Abbildung 23
Abbildung 19
Abbildung 20
Ein weiteres signifikantes Beispiel für
diesen Glastyp fand Poser im Museum
für Kunst und Gewerbe Hamburg. Auch
hier wird als Entstehungsort Deutschland
angegeben. (Abb. 21) 9
Zur Eingrenzung des Entstehungsortes
gibt uns ein zum Flaschentyp passendes
Glasstück, das bei Erdarbeiten in der
Potsdamer Innenstadt in der Henning v.
Tresckowstraße. gefunden wurde, einen
weiteren wichtigen Hinweis. (Abb. 22)
Dass bereits Kunckel mit derartigen
„Federmustern“ experimentiert hat wird
durch Glasfragmente von der
Pfaueninsel belegt ( Abb. 23)
Mit den neu gewonnenen Erkenntnissen
wäre der Zusatz zum Entstehungsort
„vielleicht Potsdam" durchaus nicht
falsch. Die Funde belegen, dass
opalisierende bzw. Milchglasgefäße mit
gezogenen Federmustern zum Repertoire
der Potsdamer Hütte gehörten.
Zwei weitere Scherben mit gleichem
Material- und Farbaufbau zeigen breite
eckige Muster. Der Scherben mit dem breiten blauen Streifen ist konkav, das heißt mit
der Schauseite nach innen gewölbt. Als fertiges Erzeugnis wäre somit ein Teller oder
eine flache Schale vorstellbar. Das kleinere Glasstück (konvex gewölbt) muss auf
jeden Fall als Hüttenabfall angesprochen werden, da auf der Rückseite sieben lange
Risse das Glas unbrauchbar machten. Was daraus hergestellt werden sollte, muss
unbeantwortet bleiben.
Abb. 24 zeigt ein kleines Flaschenhalsstück aus „klassischem" Milchglas mit roter
und blauer Marmorierung. Die daneben abgebildete Flasche ist, wie alle ihre vielen
Schwestern, süddeutsch. (Abb. 25) 10 Der nebeneinander gestellte Vergleich der
Halspartie von Flasche und Scherben zeigt, dass genau solche Flaschen auch in
Potsdam hergestellt wurden. Die erheblichen Qualitätsmängel im Milchglas und die
noch schartige Oberfläche - beides auf dem Foto nur schwer zu erkennen -
degradieren das Glasstück als Hüttenabfall, bestätigen damit aber eine Potsdamer
Provenienz. Nur minimale Milchglasschlieren komplettieren die Farbenvielfalt eines
weiteren, ansonsten dunkleren Flaschenhalses. (Abb. 26) Die in der Draufsicht nur
opak erscheinende Marmorierung zeigt in der Gegenlichtaufnahme, dass neben vielen
blauen Schattierungen helles Rubinrot zur Farbgestaltung verwendet wurde. Auf
Grund der grob strukturierten Oberfläche geht der Verfasser davon aus, dass die
Flasche noch unfertig zu Bruch ging. Wie sie ausgesehen haben mag, ist nur zu
erahnen.
Abbildung 21 Höhe 19,5 cm Museum für Kunst und
Gewerbe Hamburg
Diese als „Calcedonier“ bezeichnete Glasart war bereits vor 1600 eine hochgeschätte
Spezialität der venezianischen Glasmacher. Neri beschreibt mit großer
Ausführlichkeit drei Rezepturen zur Herstellung dieser, den Halbedelstein Achat
nachahmenden Glasmasse. Prinzipiell erhebt Kunckel keine Einwände dagegen, legt
aber dar, wie das Verfahren wesentlich einfacher und kostengünstiger gestaltet werden
kann. 11 Er selbst hat seinem Freund, dem Leipziger Apotheker Linck, einen solch
marmorierten dunkelbraunen Becher von eben demselben [a Kunckelio] aus Eisen
oder Crocus Martis gemacht, verehrt.12
Crocus Martis war ein wichtiger Bestandteil in den Rezepturen der Achatgläser.
Neben dem Crocus Martis - eine subtile Calcinierung deß Eisens / dadurch die
verborgenen metallischen Farben ans Licht gebracht / und sichtbar gemacht werde,
war eine Vielzahl an Materialien notwendig (Silber, Zinnober, Zinn=Kalch, Zaffera,
blaue Smalte, Grünspan, Minium, Antimon, Ruß ), um die nuancenreichen
Schattierungen und die bestechende Vielfarbigkeit der Achatgläser zu erzielen.13 Es ist
also durchaus vorstellbar, dass zu den Bechern auch die entsprechenden Flaschen in
der Potsdamer Hütte hergestellt wurden. Besonders für die Zechliner Zeit sind auch
Abbildung 25 Auktionshaus Fischer
Abbildung 24 Hakendamm
Abbildung 26 Hakendamm
Vasen und Pokale aus Achatglas nachgewiesen.14
Wie eingangs angedeutet hatte sich Kunckel, insbesondere nach 1692, vom Glas
weitestgehend zurückgezogen. Auch seine anspruchsvollen Vorstellungen vom
farbigen Glas gerieten damit in Vergessenheit. Weiterhin ist anzunehmen, dass neben
der Euphorie für das Rubinglas der barocke Glasschnitt mit seinen kräftigen
Gestaltungsformen Mode bestimmend wurde. In diesem Kontext kam dem Farbglas
nur eine nachrangige Beachtung zu - eine gewisse Bedeutung blieb ihm mit der
Verzierung von Gebrauchsglas erhalten.
1Das Gelände des ehemaligen Hüttenstandortes ist heute von vielgleisigen Bahnanlagen überbaut.
2Lothar Franze, Potsdams „Hakendammische Hütte“ an der Nuthe, kolme k-Verlag 2013
3Johann Kunckel, Ars Vitraria Experimentalis oder Vollkommene Glasmacher=Kunst, Leipzig 1679 , Faksimile
Leipzig 1975, S. 274
4Günter und Monica Rau, Das Glaslaboratorium des Johann Kunckel auf der Pfaueninsel, Berlin 2009, Fotos Franze
5Karl-Heinz Poser, Gläser mit Farbglas-Einschlüssen im Schaft, in Der Glasfreund, 2016, Nr. 59, S. 22. Abb.4:
„Potsdamer Pokal mit farbigem Granulat im Balusterknauf“
6Kat. Uwe Friedleben 1990, Nr. 639 Höhe 20,5 cm
7Höhe ca. 20 bis 25 cm, Inv. Nr. W 1980, 31. Zur Herkunft wird keine Angabe gemacht. Foto Franze
8Michael Kovacek, Glas aus fünf Jahrhunderten, Wien 1993, Nr. 14
9Inv. 1891. 420, Höhe 19,5 cm , Foto Poser
10 Kat. Dr. Jürgen Fischer, Glasauktion 152, Heilbronn 2005, Nr. 235
11 wie Anm. 3, Kunckel S. 75 und 85
12 Anna-Elisabeth Theuerkauff-Liederwald, Becher-Gläser, daran die Farben aus denen Metallen gezogen, von dem
berühmten Kunckel verfertig, in: Journal of Glass Studies, Volume 49, New York 2007, S.186
13 wie Anm. 3, Kunckel S. 27 und 80
14 Robert Schmidt, Brandenburgische Gläser, Berlin 1914, S. 60, Abb

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